Energiemuseum Wölfersheim – Denkmal Wetterauer Industriegeschichte

Wer heute die knapp 10.000 Einwohner zählende Gemeinde Wölfersheim besucht, der wird an verschieden Stellen im Ort an die langjährige Geschichte als Bergarbeiterstadt erinnert. Bewahrt wird die Erinnerung an diese bedeutende Epoche auch im Wölfersheimer Energiemuseum, das in einem ehemaligen Umspannwerk der OVAG seinen Platz gefunden hat.

Mit dem Besuch des Energiemuseums Wölfersheim kann man sich leicht in die Rolle derer versetzen, die mit ihrer Hände Arbeit das Material für die Energiegewinnung gewonnen haben. Die Wetterauer Braunkohle ist noch relativ jungen Datums, kaum älter als eine Million Jahre. Entstanden ist sie, wie andere Kohle auch, durch abgestorbene Sträucher und Gräser, die sich zumindest in Mooren als Torf angesammelt haben und mit verschiedenen Segmenten überdeckt, durch hohen Druck und Luftabschluss einen geochemischen Prozess durchlaufen haben. Die Wetterauer Braunkohle ist die jüngste, die jemals in Deutschland abgebaut wurde.

Das erste Braunkohlenbergwerk in der Wetterau wurde 1804 bei Friedberg-Ossenheim eröffnet. In den folgenden Jahren wird Braunkohle im Tiefbau auch bei Bauernheim, Dorheim und Dorn-Assenheim gewonnen. Im Jahre 1842 werden die ersten Gruben bei Wölfersheim und Weckesheim betrieben, 1873 folgt die Alte Grube bei Melbach.

Während man im Kreis Gießen bereits im Jahre 1912 zum Tagebau übergeht, wird bei Wölfersheim noch bis in die frühen 60er Jahre im Tiefbau gefördert. Helmut Rieß, Vorstandsmitglied im Verein zur Pflege der Bergbau- und Kraftwerktradition in Wölfersheim, hat selbst als Bergmann Ende der 50er Jahre unter Tage gearbeitet. „Die Arbeit im Kohlenabbau war nicht nur schwer, sondern auch sehr gefährlich. Mit der Spitzhacke wurden 20 Zentimeter tiefe und wenige Zentimeter breite Schlitze in die Decke geschlagen. Da musste man sehr vorsichtig sein, denn wenn die Spannung weg war, löste sich die Decke und fiel zu Boden.“ Das Material wurde dann mittels Förderbänder und dem ‚Hunt‘, einer Grubenlore, aus dem Schacht gefördert.

„Wir haben damals im Akkord gearbeitet und mussten in einem Zweierteam, bestehend aus Hauer und Schlepper, 25 Tonnen pro Schicht schaffen. So gefährlich die Arbeit war, sie war auch gut bezahlt. Ende der 50er Jahre haben wir 400 Mark im Monat verdient, davon haben andere nur geträumt.“ Helmut Rieß wollte aber nicht sein Leben lang Bergmann bleiben und hat das Abitur nachgeholt und dann Bergbau studiert. Später hat er dann in einem großen Steinbruchunternehmen gearbeitet und war für den Abbau und die Rekultivierung von Steinbrüchen zuständig.

Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren die wirtschaftlich abbaubaren Braunkohlevorräte in der Wetterau erschöpft. Die Flächen wurden erfolgreich rekultiviert und mit einer vorausschauenden und engagierten Ansiedlungspolitik gelang auch der Gemeinde Wölfersheim der Strukturwandel auf sehr erfolgreiche Art. Mit dem Ende der Bergbautradition mussten nicht nur 1.600 Arbeitsplätze ersetzt werden, sondern auch eine fast 200-jährige Bergbautradition in der Wetterau erhalten bleiben.

Der Verein zur Pflege der Bergbau- und Kraftwerkstradition hat sich 1991 gegründet mit dem Ziel, dieses historische Erbe zu erhalten. Nach Anfängen im Wölfersheimer Rathaus bezog man mit dem alten Umspannwerk der OVAG ein neues Domizil und konnte sich hier auf rund 260 Quadratmetern einrichten. Präsentiert wird auf Schautafeln die Geschichte des Wetterauer Braunkohlebergbaus.

Optisch dominiert wird das Museum von einem aufgebauten Stollen mit Kohlewagen (Hunt), bestehend aus Originalgrubenholz, das sich unter Tage befand. Zu sehen sind die Arbeitsgeräte der Bergleute, Kleidungsstücke, aber auch verschiedene Kohlefundstücke, nicht nur aus der Wetterau.

Das Wölfersheimer Energiemuseum schlägt aber auch eine Brücke von historischer Energiegewinnung hin zu erneuerbaren Energien. Auf mehreren Schautafeln werden regenerative Energiequellen vorgestellt.

Dort, wo einst das Kraftwerk stand, das in Spitzenzeiten täglich 5.000 Tonnen Braunkohle in elektrische Energie umwandelte, steht heute der größte Solarpark der Region.

Was man unbedingt gesehen haben muss:

  • Ein Höhepunkt ist sicher der aufgebaute Stollen mit Kohlewagen, der die Besucherinnen und Besucher ein bisschen Bergmannsgefühl spüren lässt.
  • Anhand eines großen Modells lassen sich alle Arbeitsschritte, von der Gewinnung der Braunkohle bis hin zur Produktion elektrischer Energie, nachvollziehen.
  • Interessant sind auch die verschiedenen Kohlearten, die man im Energiemuseum bestaunen kann.

Was man nachher noch machen kann:

Wer noch Lust und Energie hat, macht sich auf den Weg rund um den Wölfersheimer See.

Der See ist ein Relikt des Braunkohletagebaus, der hier zwischen 1927 und 1943 stattfand. Mehr als 3,3 Millionen Tonnen Braunkohle wurden hier zusammen mit fast acht Millionen Kubikmetern Abraum bewegt und bis zu einer Tiefe von 50 Metern abgebaut. Heute hat der See eine Fläche von 37 Hektar und ist durchschnittlich 18 Meter tief. Leider ist die Wasserqualität nicht gut genug, dass er zum Baden einladen würde.

Rund um den See hat die Gemeinde, unterstützt von der Wölfersheimer Bürgerstiftung einen historischen Rundweg mit acht Stationen angelegt, der Einblicke in die Bergbaugeschichte der Gemeinde gibt. Vom Energiemuseum folgt man dem Heyenheimer Weg und stößt direkt auf den See. Länge des Rundweges vom Energiemuseum gemessen knapp fünf Kilometer.

Wer mit dem Rad unterwegs ist, hat die Auswahl zwischen zwei Radtouren durch die Wetterauer Seenplatte. Entsprechende Karten gibt es bei der Gemeindeverwaltung und im Internet unter: wetterauer-seenplatte.de.

Eine Besichtigung wert ist auch der Weiße Turm. Kontakt zu den Turmwächtern stellt die Gemeindeverwaltung her 06036/ 97370.

Der Weiße Turm ist das Wahrzeichen von Wölfersheim. Der Rundturm mit Steinhelm und Wehrgang war mit seiner Höhe von 27 Metern das größte Bauwerk der im Jahre 1408 mit dem Weißen Turm vollendeten Stadtbefestigungsanlage von Wölfersheim. Am Weißen Turm war früher die einzige Einfahrt, die sogenannte alte Pforte, in das befestigte Wölfersheim die über die nicht mehr vorhandene Brücke führte. Erst 1550 wurde an dem heutigen Lindenbaum eine neue Pforte in die Stadtmauer gebrochen. Die wohl einzige Bewährungsprobe für die Befestigungsanlage, und somit auch für den Weißen Turm, waren die drei Angriffe aus dem Jahr 1425 von der Stadt Butzbach. Die Butzbacher holten dafür sogar die Kanonen von ihrer Stadtmauer. In späteren Zeiten nutzte man den Wehrturm im Erdgeschoss als Gefängnis.