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Tag der offenen Grabung „Am Steinern Kreuz“ in Friedberg

Gelände am "Steinern Kreuz" in Friedberg
Gelände am "Steinern Kreuz" in Friedberg (Foto: Archäologische Denkmalpflege des Wetteraukreises)

Zum Tag der offenen Grabung am 9. Juni 2016 bestand für Besucher die Möglichkeit, sich auf Spurensuche in die antike Weltgeschichte zu begeben. Die Stadt Friedberg, der Friedberger Geschichtsverein e.V. sowie die Archäologische Denkmalpflege des Wetteraukreises haben alle interessierten Bürger zum Besuch eingeladen.

Treffpunkt waren die Baucontainer in Verlängerung der Johann-Peter-Schäfer-Straße am Westrand von Friedberg. Zu jeder vollen Stunde wurde eine Führung angeboten. Es bestand die Gelegenheit, den Archäologen bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen und viel Interessantes zu erfahren.

Aktionen und Angebote

Als Besonderheit wurde zum Tag der offenen Grabung ein römischer Brotbackofen nachgebaut und als archäologisches Experiment betrieben. Mit etwas Glück konnte bei Gelingen des Experiments das Brot der Legionäre „panis militaris“ probiert werden.

Neben den Resten eines Marschlagers aus den Germanenkriegen des Augustus konnten einige metallzeitliche Gräber sowie Reste einer steinzeitlichen Siedlung erfasst werden. Detaillierte Informationen zu den Römern sind im Öffnet externen Link in neuem FensterRömerbad (in der Burg Friedberg) und in der Römerabteilung des Öffnet externen Link in neuem FensterWetterau-Museums  zu erfahren. 

Die Kampagne bildete - passend zum Jubiläumsjahr „Öffnet externen Link in neuem Fenster800 Jahre Friedberg“ - voraussichtlich die letzte Gelegenheit, Einblicke in die frühe römische Militärgeschichte auf Friedberger Boden vor 2.000 Jahren zu erhalten.

Römisches Marschlager in Friedberg entdeckt

Archäologische Spuren am „Steinern Kreuz“

Eine bereits bekannte rössenzeitliche Siedlung im Randbereich des Wohngebietes Steinern Kreuz am Westrand von Friedberg gab Anlass zur Durchführung einer geophysikalischen Untersuchung auf der 5 Hektar großen Fläche.

Neben den zu erwartenden, als Siedlungsgruben zu interpretierenden Befunden zeigte sich überraschenderweise eine sehr markante Grabenstruktur. Mit ihrer charakteristischen Form deutet sie auf eine römische Lagerecke hin. Diese Interpretation als mögliches römisches Marschlager konnte schnell durch die noch im Herbst 2012 von der Archäologischen Denkmalpflege des Wetteraukreises im Auftrag der Stadt Friedberg begonnenen archäologischen Untersuchungen bestätigt werden.

So zeigte sich im Grabungsbefund der teilweise allerdings nur undeutlich zu erkennende Spitzgraben. Gut zu erkennen waren jedoch die zahlreichen römischen Backöfen. In einer zweiten Kampagne im Frühjahr 2013 konnten die im Baugebiet liegenden Abschnitte des Lagergrabens sowie weitere markante Strukturen untersucht werden. Abschließend wurden im Herbst desselben Jahres noch die verbliebenen Verdachtsflächen ergraben.

Ausgehend von der nördlichen Lagerecke konnte der nordöstliche Lagergraben auf einer Länge von knapp 170 Metern ohne eine Unterbrechung dokumentiert werden. Im weiteren Verlauf ist er durch bereits bestehende Bebauung nicht mehr zu verfolgen. Der Spitzgraben war maximal bis auf eine Tiefe von 0,70 Metern erhalten und hatte auf Höhe von Planum 1 noch eine Breite von bis zu 1,10 Meter. Auf der nordwestlichen Seite wurde der ähnlich erhaltene, ebenfalls lückenlose Grabenverlauf auf einer Länge von 130 Metern aufgedeckt.

Da durch die anhaltend hohe Nachfrage nach Bauland in der Metropolregion Frankfurt Rhein Main bereits während der Erschließungsarbeiten die Kapazität des Baugebietes bei weitem übertroffen wurde, begannen 2014 die Planungen für einen zweiten Abschnitt im Süden.

Auf der bereits in Teilen in diesem Areal durchgeführten geomagnetischen Untersuchungen zeigte sich der weitere Verlauf des nordwestlichen Grabens sowie die südwestliche Lagerseite. Leider verläuft auch der südwestliche Graben unter bereits bestehender Bebauung, so dass die genaue Länge des Lagers nur geschätzt werden kann. Die langrechteckige, wohl als Marschlager anzusprechend Anlage liegt westlich des römischen Vicus und der bekannten Militäranlagen auf dem Burgberg auf einer flachen, mit Lösslehm bedeckten Anhöhe über der nordwestlich verlaufenden Usa. Im Süden wird sie von einem Bachlauf begrenzt. Insgesamt ergibt sich eine Mindestgröße bei einer sicher nachgewiesenen Breite von 330 x 345 Metern.

Etwa in der Mitte der nordwestlichen Lagerseite zeigte sich eine über 10 Meter breite Lücke im Grabenverlauf, die als einer der Lagereingänge anzusprechen ist. Ergänzt man den bekannten Grabenverlauf zu einem langrechteckigen Grundriss wie er römischen Marschlagern entspricht, kommt man auf eine Fläche von etwa 17 Hektar. Dies würde etwa dem großen Lager auf dem Goldstein in Bad Nauheim (300 x 470 Meter) mit einer Fläche von 14 Hektar entsprechen.

Mit diesem teilt es auch die schwierige genaue zeitliche Einordnung. Erwartungsgemäß sind außer den Lagergräben kaum Strukturen und Funde zu erwarten. So lässt sich die Grabung eines kurzzeitig besetzten römischen Marschlagers (häufig schlugen die Legionäre nur für eine Nacht ihre Zelte auf) mit dem Versuch vergleichen, einen temporären Campingplatz nach knapp 2.000 Jahren nachzuweisen. Nach Ausweis des geborgenen Fundmaterials gehört das Lager in den Horizont der augusteischen Germanenfeldzüge.

Neben den Lagergräben konnten bisher mehr als 40 römische Backöfen ergraben werden. Entsprechende Öfen konnten beispielsweise in den augusteischen Marschlagern an der Lippe in Holsterhausen oder auch jüngst in Wallerstädten, diese werden in vespasianische Zeit gesetzt, ergraben werden. An einen runden Brennraum mit einem Durchmesser zwischen 0,80 und 1 Meter schließt sich eine rechteckige Bediengrube an, von wo der Backofen befeuert wurde. Die Öfen waren in den anstehenden Lösslehmboden eingetieft.  Ausgehend von der in günstigen Fällen noch komplett erhaltenen, verziegelten Ofenplatte haben sich die Wände der Öfen noch bis zu einer Höhe von 0,20 Metern erhalten. Ob die Öfen komplett in den anstehenden Boden eingetieft waren und sie so dem in Holsterhausen beschriebenen Typ II entsprachen oder teilweise mit einer aufgebauten Lehmkuppel (Holsterhausen Typ I) über das Gehniveau hinausragten, ist wegen der Bodenerosion nicht zweifelsfrei zu klären. Teilweise wurden auch zwei Öfen, jeweils an den Stirnseiten gelegen, aus einer Grube bedient. Zumindest ein Teil der Asche wurde aus den Öfen direkt in die Arbeitsgrube gekehrt.
Versuche mit nachgebauten römischen Backöfen - allerdings mit etwas größeren und massiver ausgeführten Exemplaren, wie sie in Standlagern wie etwa auf der Saalburg belegt sind - zeigen eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit römischer Backöfen.

Zwei baugleiche Backöfen, die im Bereich einer metallzeitlichen Fundstelle in Münzenberg-Gambach im Vorfeld der Erweiterung einer Sandgrube 2011/2012 ergraben wurden, sprechen für ein weiteres römisches Marschlager an der von Mainz aus nach Norden durch die Wetterau führenden Vormarschroute. Ergänzend sei auf einen weiteren neu entdeckten Lagerstandort in Okarben verwiesen, der sich etwa 1 Kilometer südwestlich des Okarbener Kastells nahe der Trasse der römischen Straße nach Nida (Frankfurt-Heddernheim) befindet.

Mit der zu ergänzenden Größe von etwa 17 Hektar bot das neu entdeckte Friedberger Marschlager „Steinern Kreuz“ mehreren tausend römischen Soldaten Schutz. Die zahlreichen Backöfen sprechen gegen ein nur für eine Nacht aufgeschlagenes Lager. Zudem bleibt eine mehrphasige Belegung des Platzes zu prüfen. Es ist zu hoffen, dass während der vor der weiteren Erschließung des Baugebietes durchzuführenden archäologischen Untersuchungen zusätzliches Fundmaterial gewonnen werden kann. Vielleicht ist es dann möglich, eine zeitlich schärfere Ansprache zu treffen und das Lager präziser in seinen historischen Kontext der Auseinandersetzung Roms mit den Germanen einzuordnen.

Neben den Münzfunden, die bei der systematischen Begehung des Geländes mit der Sonde gefunden wurden, sei zu guter Letzt sei noch auf den Fund eines Petschafts hingewiesen. Bei dem Fundstück, wohl aus dem frühen 19. Jahrhundert, handelt es sich um das Siegel der jüdischen Gemeinde Friedberg. Die Inschrift ist als „qhl fridburg“, das heißt Gemeinde Friedberg, zu lesen.

(Archäologische Denkmalpflege des Wetteraukreises, Dr. Jörg Lindenthal)

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